Great Gatsby wäre begeistert

Text von Annika Kiehn, Dezember 2019, Fotos von Jan Rusek

Gutshäuser, auch in ihrer heutigen Nutzung, weichen selten von dem praktischen Tenor ab, den sie historisch gesehen als zentraler Sitz eines Landwirtschaftsbetriebs innehaben. Hotelbesitzer bemühen sich, den sogenannten „Landadelschick“ nach bestem Ermessen wiederherzustellen mit Antiquitäten. Doch nirgendwo – sorry für den Superlativ– ist es so gut gelungen wie im Herrenhaus in Ciekocinko. Dieser Ort ist eine wahre Ode an den Luxus und Stil der 1920er und 1930er Jahre, den ich noch nie in dieser Opulenz woanders gesehen habe.

Dank der Vision eines Mannes hat dieses polnische Herrenhaus in der Kashubei nahe der Ostsee eine lange Geschichte der Zerstörung und Verlassenheit überwunden und steht nun für eine neue Ära der Zuversicht und des Wohlstands. Ciekocinko gleicht einer Barock-Kirche – überladen, reizüberflutend, aber dazu gemacht, seine Besucher in Staunen zu versetzen. Selbst die Nachfahren der ehemaligen Gutsherren-Familie sagen: „Das Haus hat nie besser ausgesehen als jetzt. “

Eine mondäne Zeitreise auf Gut Ciekocinko

Als ich zum ersten Mal die Eingangshalle betrat, war ich sofort überwältigt. Es war ein stürmischer Dezemberabend, der Tag war lang gewesen und die bittere Kälte saß mir in den Knochen. Das änderte sich schlagartig in dem Moment, als ich mich umzusehen begann: Verspielte Jugendstilskulpturen schienen mich anzulächeln, golden verzierte Tapeten und schwere Polstermöbel verhießen eine Behaglichkeit, die nur noch einen heißen Kakao gebraucht hätte und ich hätte meinen Frieden zurück.

Es war, als hätte ich eine kleinere, modernere Version von Downton Abbey betreten. Während mein Blick durch den Speisesaal wanderte und die Bibliothek, fühlte ich mich aufgeregt wie sonst bei einem Besuch in einer Antik-Scheune. Ciekocinko ist surreal in seiner außergewöhnlichen Eleganz und Liebe zum Detail. Man kann entweder überwältigt oder irritiert sein von der Perfektion, die dem Zufall keine Chance lässt. Man spürt förmlich das Verlangen des Besitzers, die große Herrenhausruine, die er 2004 gekauft hat, in einen Ort zu verwandeln, der die Sinne anregt – und der nun auch dem Großen Gatsby sehr zusagen würde. Die Sammlung, eine ausgewogene Balance aus Antiquitäten und maßgefertigten Stücken, kann ihren Flair in den großen und kleinen Räumen aufs harmonischste entfalten. Ich fühlte mich wie in einer Wes Anderson-Filmkulisse – die Schönheit des Hauses beruht auf der gleichen hellen Kühnheit. Dies nicht einfach ein Hotel, es ist ein Statement des Glücks.

2004 fand er die Ruine Ciekocinko in einem erbärmlichen Zustand vor und beschloss, sie wieder zum Leben zu erwecken.

Dunkle Tapeten mit goldenenen Aufdrucken schaffen eine elegante und gleichzeitig gemütliche Atmosphäre. „Sie werden in der Fabrik Bradbury & Bradbury in Francisco handgefertigt, in den gleichen Farben und Mustern wie vor hundert Jahren“, erklärt Hoteldirektorin Zuzanna Busłowska. Dass er ausgerechnet die Epochen des Jugendstils, der Sezession und des Biedermeier für die Einrichtung gewählt hat, lässt mich vermuten, dass Besitzer Tomasz Bałuk ein Mensch ist, der gern nach den Sternen greift. Ein sensibler, aber ambitionierter Geist, der so lange sucht, bis er genau das gefunden hat, was ihm vorschwebt – sich dabei gern im Hintergrund hält und lieber sein Haus für sich sprechen lässt.

2004 fand er die Ruine Ciekocinko in einem erbärmlichen Zustand vor und beschloss, sie wieder zum Leben zu erwecken. Hoteldirektorin Zuzanna Busłowska erinnert sich: „Drei Monate lang  stellte Möbel in die Zimmer und wieder raus, und wieder rein, bis alles am richtigen Platz war – jeder Schrank und jeder Stuhl, jedes Bett – jedes Stück wurde von ihm persönlich ausgesucht, und er weiß genau, welches Möbel in welches Zimmer gehört.“

Jedes Zimmer im Herrenhaus ist nach einem berühmten Turnierpferd benannt

Nicht nur das Aussehen des Hotels ist allein einen Besuch wert. Auch das Konzept, mit dem es betrieben wird, beruht auf sorgsamen Überlegungen, um ein ganzheitliches Erleben zu garantieren. An den Sommer-Wochenenden etwa spielen Jazz-Musiker kostenlos Konzerte, einheimische Produzenten kommen für einen kleinen Markt zusammen, um handgefertigte Produkte aus der Region zu verkaufen. Das zeigt, wie sehr es dem Besitzer am Herzen liegt, ein wenig zeitgenössischen, kaschubischen Flair einzubringen.

Jedes Zimmer im Herrenhaus ist nach einem berühmten Turnierpferd benannt, als Verweis darauf, dass Ciekocinko als Austragungsort der Equinale, einem der größten Reitturniere Polenes, auch ein Anlaufpunkt für Reiter aus aller Welt ist. Während des Festivals, das im Mai und September ausgetragen wird, werden in dieser Zeit an die 1400 Pferde beherbergt, aus Australien, Sudan und Südafrika. Ciekocinko ist nicht nur ein Herrenhaus, es ist ein Anwesen. Hier fehlt es an nichts: sei es einem großzügigen Spa-Bereich, dem eigenen landwirtschaftlichen Betrieb, nicht zu vergessen der riesige Gutspark, der sanft in die kaschubischen Wälder übergeht. Der Weg durch hindurch ist mit Lampen ausgestattet, sodass Gäste selbst bei Dunkelheit zurückfinden – es scheint, als sei einfach an alles gedacht.

Vielleicht hat Tomasz Bałuk die 20er und 30er Jahre als Thema gewählt, weil sie an eine Zeit erinnern, in der die alte und die neue Welt verschmolzen. Die Menschen begannen, an ihr eigenes, selbstgewähltes Schicksal zu glauben, sie brachen mit der steifen Etikette, den die Aristokratie bis dato vorgab und genossen den Beginn der Moderne. Das traditionsreiche Ordnungssystem zwischen Aristokratie und Arbeiterklasse geriet ins Wanken. Wie der Besitzer es in seinen eigenen Worten auf der Website ausdrückt: „(…) Eins ist sicher: Selbst in den schwierigsten Momenten habe ich meine Entscheidung nie bereut, denn heute ist Ciekocinko mein Platz in der Welt und die Genugtuung, einen Teil meines Landes tatsächlich verändert zu haben, ist unbezahlbar, wie man in einem bestimmten Werbespot sagt“ (Tomasz Bałuk, 2013).

Weil sie an eine Zeit erinnern, in der die alte und die neue Welt verschmolzen.

Ein mutiger und visionärer Geist

Die gesamte Schlossanlage in Ciekocinko zählt zu den wichtigsten historischen Schlössern und Parkanlagen in der Woiwodschaft Pommern; ein Denkmal Pommerns, in dem alte preußische und polnische Einflüsse jahrelang miteinander konkurrierten. Während die Menschen früher mit wechselnden Identitäten zu kämpfen hatten, sind sie in diesen Tagen bestrebt, eine ganz neue, eigene Wahrnehmung zu entwickeln.

Als wir gerade gehen wollten, ertappte ich mich dabei, wie ich vor Glück seufzte: Mir gefällt, wie es Tomasz Bałuk geschafft hat, sich seinen Gästen zu öffnen und sie nicht nur in sein Hotel einzuladen, sondern auch in seine Seele und seine positive Denkweise. Es sind Menschen wie er, die beweisen, dass ein mutiger und visionärer Geist eine einst gebeutelte Region wie die Kaschubei wieder zum Blühen bringen kann.

Baltica Equestrian Tour

Baltica Equestrian Tour

Jedes Jahr im May and September findet auf Ciekocinko die Baltica Equestrian statt. Die Baltica Equestrian Tour ist das größte Pferde-Event Polens. Das Ciekocinko Boutique Hotel dient in dieser Zeit als luxuriöse Unterkunft für die Teilnehmer, die von ihrem Fenster verfolgen könnten, was auf dem Reitplatz vor sich geht

Das Ciekocinko Palace Hotel Resort & Wellness liegt inmitten der Wälder Kaschubiens und steht für Luxus und Eleganz. Das hauseigene Restaurant bietet hervorragende Köstlichkeiten, die sich an regionalen Produzenten orientieren.

„Wenn ich mir die Fotos von Ciekocinko aus dem Jahr 2004 ansehe, überkommt mich ein merkwürdige zwiegespaltenes – was habe ich mir nur dabei gedacht? Hätte ich diese Herausforderung angenommen, wäre ich mir all der Konsequenzen im Vorfeld bewusst gewesen? Eines weiß ich ganz genau: Selbst in den schwierigsten Momenten bereue ich meine Entscheidung nicht, denn Ciekocinko gibt mir die unglaubliche Zufriedenheit, meinem Land etwas Wunderbares zurückgegeben zu haben.“ (Tomasz, Ciekocinko 2013)

Hotel Ciekocinko, Ciekocinko 9, 84-210 Choczewo
+ 48 58 572 25 08

 

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