Die Gutshaus Retter aus der Parseta Region

The heritage Ambassadors from Parseta River Basin

Interview mit Annika Kiehn, Juni 2022

Manchmal wird Dir das Glück aufgezwungen. Nun könnte man argumentieren, dass das Glück von Natur aus durch den Zufall bestimmt wird, aber ich denke, das ist nur halb wahr. Man kannst explizit danach Ausschau halten – und es entweder finden oder es niemals finden. Aber ist es nicht der glücklichste Fall von allen, wenn es Dir direkt auf den Kopf fällt? So erging es den polnischen Unternehmer-Brüdern Bogdan und Zdzisław Andziak als sie herausfanden, dass ihr ältester Bruder Teilinhaber eines Schlosses war und kurz davor stand, sich finanziell zu ruinieren. Also übernahmen sie kurzerhand seinen Besitzeranteil des Schlosses in Siemczyno, um ihm in seiner misslichen Lage zu helfen.

Das Barockschloss Siemczyno liegt im Zentrum von Vorpommern in der Drawskie Seenplatte, umgeben von unzähligen Seen und Wäldern.  
Das Schloss markiert den Beginn einer anhaltenden Reise durch die hiesige Baukulturerbelandschaft. Seit mehr als 20 Jahren haben die Brüder das Anwesen permanent weiterentwickelt, Hindernisse und Herausforderungen überwunden, um ein außergewöhnliches Ausflugsziel in historischer Kulisse zu erschaffen. Und als ob dem nicht genug ist, kümmern sie sich außerdem um eine weitere bedürftige, charmante Ruine namens "Kozia Góra" in der Woiwodschaft Pommern im Norden Polens. Im folgenden Interview sprechen Bogdan und Zdzisław Andziak über ihre persönlichen und historischen Erfolge mit den beiden Gutshöfen und darüber, was sie antreibt.

Wir fühlen uns für das Kulturerbe in dieser Region verantwortlich

Bitte erzählen Sie zuerst etwas über Sich.
Wir sind Unternehmer aus Westpommern (in der Nähe von Kołobrzeg - auf Deutsch Kolberg) und sind seit 1990 ununterbrochen tätig. Wir repräsentieren die erste Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Westpommern geboren wurde. Und jetzt sind wir auch noch positive „Geschichtsfreaks“, die sich für das Kulturerbe in dieser Region verantwortlich fühlen. Denn schließlich sind diese Gebäude, die Arbeit, die in ihren Wiederaufbau gesteckt wurde, und die Bemühungen des Vereins unser Erbe für zukünftige Generationen.

Was war die Ausgangssituation, die Sie dazu gebracht hat, erst ein Gutshaus und dann ein weiteres zu kaufen?
Wir wurden durch Zufall und Notwendigkeit Eigentümer des Palastes in Siemczyno. Unser ältester Bruder Czesław kaufte ein Viertel des Palastes, ohne die Hypothekenbelastung zu überprüfen. Da der Palast jedoch mit einer hohen Hypothek belastet war, leiteten wir ein Gerichtsverfahren ein, um die Hypothek zu beseitigen und um ihm zu helfen. Im Laufe der Aktivitäten meldeten sich die anderen Miteigentümer bei uns mit dem Wunsch, ihre Teile des Palastes (anfangs waren es vier) weiterzuverkaufen. So kam es, dass wir die restlichen zwei Viertel von privaten Eigentümern 1998 und 1999 erwarben. Dann beschloss unser Bruder Czesław nach zwei Jahren ebenfalls, seinen Teil zu verkaufen. Und so wurden wir 2001 Eigentümer des Ganzen.

Der Name des Vereins leitet sich von dem früheren Namen des Dorfes ab: Heinrichsdorf, abgeleitet von dem Namen des Ritters Heinrich, der das Dorf gegründet hat.

Im Jahr 2002 kauften wir die großen Wirtschaftsgebäude dazu, 2011 erwarben wir den Park, der historisch zum Schloss gehörte. So haben wir die historische Anlange in ihrer Gesamtheit wieder herstellen. Dann begannen wir mit der Renovierung, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Zuerst die Dächer der Wirtschaftsgebäude und dann die Innenräume. Zur Jahreswende 2008/2009 beschlossen wir, in den historischen Wirtschaftsgebäuden von Siemczyno ein Hotel einzurichten. Was jedoch das Schlossgebäude betrifft, so wurde es 2005 dem gegründeten Henrykowskie-Verein in Siemczyno zur dauerhaften Nutzung übergeben.
Damit sollte die Möglichkeit geschaffen werden, europäische Gelder für die Renovierung des Schlosses zu beantragen, was uns gelungen ist. Der Name des Vereins leitet sich von dem früheren Namen des Dorfes ab: Heinrichsdorf, abgeleitet von dem Namen des Ritters Heinrich, der das Dorf gegründet hat. Die Hauptziele des Henrykowski-Vereins sind unter anderem die Revitalisierung, Modernisierung und Anpassung historischer Gebäude und historischer Anlagen für kulturelle Zwecke.  

In der Zwischenzeit hatten wir ein attraktives Angebot für den Kauf eines Schlosses und eines Bauernhofkomplexes in Kozia Góra erhalten. Da wir bereits vertraut waren mit der Materie Denkmal und in Anbetracht der erfolgreichen Revitalisierungsprojekte in Siemczyno, beschlossen wir, dass wir es uns leisten können, einen weiteren Palast- und Bauernhofkomplex in Kozia Góra in Besitz zu nehmen und vor dem Verlust zu bewahren.

Diese Region war häufig Gegenstand von Grenzstreitigkeiten mit Brandenburg.

Was ist die Geschichte der Häuser, was macht sie für Sie so attraktiv?

Siemczyno lag historisch gesehen am Rande Polens, am Treffpunkt der brandenburgischen und polnischen Kultur. Daher ist die Geschichte sowohl interessant als auch turbulent.   Seit 1292 wurde dieses Gebiet von der Familie Golc bewohnt, einer angesehenen Familie, die vom König von Polen ein Privileg für Verdienste um das Königreich erhielt, was bedeutet, dass ihre politische Bedeutung in der Region groß war. Diese Region war häufig Gegenstand von Grenzstreitigkeiten mit Brandenburg. Unter anderem trugen die Brandenburger Mitte des 16. Jahrhunderts zum Angriff Schwedens auf Polen bei, weil sie den schwedischen Truppen erlaubten, durch Brandenburg-Pommern zu ziehen und ihre Bürgerinnen und Bürger für die schwedische Armee zu rekrutieren. Das erste Dorf, das die Schweden nach dem Überschreiten der polnischen Grenze sahen, war Siemczyno, dann Henrykowo (ger. Heinrichsdorf). Als Ergebnis dieses blutigsten aller Kriege für die Republik Polen musste Polen einem Bündnis mit Brandenburg zustimmen, um die Schweden zu besiegen und das königliche Preußen zu übergeben. (Die Verträge von Welaw-Bydgoszcz).
Die ersten Erwähnungen über den Bau des Schlosses gehen auf den Beginn des zweiten 16. Jahrhunderts zurück, und der heutige Hauptbau wurde zwischen 1722 und 1726 errichtet. Auch das heutige Erdgeschoss und ein prächtiges Dach wurden neu ausgebaut. 1793 verkaufte die Familie Golc die Herrschaft an die Familie von Arnim, und der Bau des Gästeflügels begann 1796 und wurde Ende des 18. Jahrhunderts abgeschlossen. Der Küchenflügel hingegen wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den letzten Vorkriegseigentümern, der Familie von Bredow, gebaut, die 1907 Eigentümer des Schlosses wurde.

Während des Krieges diente das Schloss vorübergehend als Feldlazarett für die sowjetische Armee, die dort bis zum Frühjahr 1946 untergebracht war. Danach stand es bis 1950 leer und wurde zum Gegenstand von Verwüstung und Diebstahl. Nach 1950 wurde dort eine Grundschule eingerichtet, die bis 1986 in Betrieb war. Dann wurde es 1990 an private Eigentümer verkauft, die fast ein Jahrzehnt lang nichts taten. Wir haben 1999 mit den ersten Renovierungsarbeiten begonnen.
Es ist wichtig, dass all diese historischen Fakten in der Literatur existierten, aber nur durch die Aktivität unseres Vereins und befreundeter Geschichtsenthusiasten, Spender sowie heutiger Mitglieder der Familie von Bredow, den ehemaligen Besitzern des Schlosses, war es möglich, sie zusammenzufügen und mit Siemczyno zu verbinden.

Danach stand es bis 1950 leer und wurde zum Gegenstand von Verwüstung und Diebstahl.

Wie steht es um die Pläne für die beiden Häuser? Was hat bisher funktioniert? Was nicht, und warum?
Wir wollten den Palast in Siemczyno für ein öffentliches Publikum aufbereiten. Dieser Plan wurde bereits zur Hälfte umgesetzt, zum Beispiel mit der Renovierung von Teilen im Keller und auf dem Dachboden. Dort sind nun das interaktive Barockmuseum und das Museum für verschiedene Handwerke eingerichtet.

Als nächster Abschnitt werden wir ein Museum der Schwedeninvasion im ersten Stock einrichten, während im Erdgeschoss Ausstellungsräume für Künstler aus der Region Pommern entstehen werden. Bisher ist es uns noch nicht gelungen, finanzielle Mittel für die Renovierung des ersten Stocks des Schlosses in Siemczyno aufzutreiben, trotz positiver Bescheinigung unseres Antrags beim Regionalen Operationellen Programm der Woiwodschaft Westpommern.

In Kozia Góra beginnen wir in diesem Jahr mit der Erarbeitung der Erhaltungsdokumentation. Als Ergebnis haben wir ein Notdach zum Schutz vor weiterer Verwüstung gebaut. Dadurch können wir nun gezielt Renovierungs- und Modernisierungsarbeiten angehen.

Welche Erfahrungen haben Sie während der Restaurierungsarbeiten gemacht?
Der positive Aspekt ist, dass wir die Geschichte dieser Orte wiederentdeckt haben. Weniger positiv waren hingegen die sich hinziehenden Verhandlungen mit den Behörden. Solche Gebäude wieder in Stand zu setzen, lehrt Dich, eine neue Art Geduld zu entwickeln, ähnlich wie bei der Erziehung von Kindern. Ein solches Projekt lässt sich nicht in einem Jahr oder gar in fünf Jahren umsetzen.
Uns ist auch sehr daran gelegen, die sozialen Beziehungen mit den Dorfgemeinden und umliegenden Regionen herzustellen. Die Aktivitäten unseres Vereins sind ein gutes Beispiel für die lokale Gemeinschaft und dass es sich lohnt, sich gemeinsam für einen Zweck einzusetzen. Dadurch wird eine Zivilgesellschaft aufgebaut. Etliche historische, kulturelle und künstlerische Vereinigungen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind in unserer unmittelbaren Umgebung aktiv geworden.

Was ist die Geschichte des Barockmuseums?
Bei der Analyse von Palästen aus der Barockzeit haben wir festgestellt, dass es in diesen Palästen Schneiderwerkstätten in den unteren Räumen des Hauses gab, aber auch ein Ankleidezimmer, das als separater Salon eingerichtet war, ein Spielzimmer, ein Forschungsbüro, eine historische Studie und sogar ein Theater und gelegentlich ein Architekturzimmer. Was in den einzelnen Ateliers und Salons in der Barockzeit passiert sein könnte, ist wiederum eine eigene und interessante Geschichte. Deshalb haben wir diese Ateliers und Salons auf der Grundlage historischer Analysen und unserer Fantasie nachgebaut, um ein besonderes Erlebnis für die Besucher zu schaffen.

Das Universalium der verschiedenen Handwerke auf dem Dachboden ist wiederum ein Verweis auf die Tradition des pommerschen Dorfes und die Sammlung von Artefakten aus traditionellen Berufen, die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in den dörflichen Landschaften weit verbreitet waren, wie zum Beispiel Tischlerei, Bootsbau, Schmiedekunst, Netzherstellung, Weberei, Töpferei. Diese chronologisch geordnete Sammlung gibt Aufschluss über harte Arbeit der Handwerker von damals.

Kozia Góra und Schloss Siemczyno

Was ist eine der spannendsten Entdeckungen von Kozia Góra?
Es war eine erstaunliche Überraschung für uns, dass sich bis 1833 eine Freimaurerloge in Kozia Góra befand. Für ihre Bedürfnisse zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sie daher einen dreistöckigen, mit Türmchen und neugotischen Flanken verzierten Turm errichtet.
Redaktioneller Nachtrag: Die Freimaurerei (oder kurz Maurer) ist eine der historisch ältesten Mitgliederorganisationen der Welt. Sie wurde vor etwa 300 Jahren gegründet und ist immer noch eine weltweite Bruderschaft von Gleichgesinnten.

Was sollen die Touristen in Ihren Häusern erleben dürfen?
Zuallererst die Einzigartigkeit. Eine einzigartige Begegnung mit der Geschichte, an die man sich erinnert und die die Erweiterung des lokalen und internationalen Geschichtswissens in diesen Gebieten inspiriert. Und gleichzeitig Identität und Respekt für das Erbe schaffen.

Welche Pläne haben Sie noch für Ihre Gutshäuser?
Ein öffentliches Ziel erfordert interne Unterstützung. So etwas wie sich selbstfinanzierende Museen, Gemeindezentren und sich selbst finanzierende Theater existieren so gut wie nicht. Deshalb ist es notwendig, nach Möglichkeiten für die kommerzielle Entwicklung der verbleibenden Objekte zu suchen, die in diesem Fall den ehemaligen Gutshof bilden. Außerdem ergeben sich durch Synergieeffekte zusätzliche Möglichkeiten sowohl für das Palastgebäude, das für öffentliche Zwecke bestimmt ist, als auch für gewerbliche Gebäude.

Wie nehmen Sie die Entwicklung der Flussgebietsregion in Bezug auf den Tourismus in den Herrenhäusern wahr? Läuft es gut oder wünschen Sie sich weit mehr Aktivitäten?
Es gibt noch viel zu tun, was den Tourismus in unserer Region angeht. Wir stellen jedoch erfreut fest, dass unsere Region immer beliebter zu werden scheint. Das ist eine gute Entwicklung, denn viele Jahre lang waren Orte wie Kozia Góra oder Siemczyno eher Durchfahrtdestinationen für Touristen, die vor allem Küstenstädte als Ziel wählten. Als Verein legen wir viel Wert darauf, unsere Arbeit und unser Erreichtes zu bewerben. Aber wir setzen uns auch bei den lokalen und staatlichen Behörden für eine breitere Förderung ein. Lange war es so, dass die jüngere Generation kurz nach dem Schulabschluss dem ländlichen Raum Lebewohl gesagt hat. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass junge Menschen inzwischen wieder vermehrt in Betracht ziehen, sich an dem Ort, an dem sie geboren und aufgewachsen sind, eine Zukunft aufzubauen. Und die Aktivitäten unseres Verbandes zeigen diese Möglichkeiten auf.

Erkunden Sie die Gutshäuser im Parseta-Flussdelta
Wandern Sie auf dem Henrykowskie-Pfad - er beginnt am Barockschloss, von wo aus Sie durch die Stadt Siemczyno gehen, gemäß der Karte und den Markierungen auf den Tafeln an historischen Gebäuden.

Ein Besuch im Pałac Siemczyno lohnt sich wegen des Hotels mit Restaurant, dem Park und dem Barock-Museum im Schloss.

Schloss Kozia Góra befindet sich noch in der Sanierung und ist zu besonderen Anlässen für die Öffentlichkeit zugänglich. Weitere Informationen erhalten Sie auch über den Kontakt auf der Website von Pałac Siemczyno

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